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85. Geburtstag von Rosi Babl

Treffelstein, den 03.07.2019

Rosi Babl sitzt an der Kasse ihres Edeka-Geschäfts. Die Haare akkurat nach hinten gekämmt. Mit blauem Schurz, gemusterter Bluse und einem Lächeln im Gesicht. Ihr halbes Leben hat sie hier zwischen Haushaltswaren und Lebensmitteln verbracht: Regale einräumen, Bestellungen aufgeben, kassieren. Der Laden ist ihre Welt. Er ist ihr Leben – und sie seine Seele. Seit mehr als 60 Jahren.
Im April hat sie ihren 85. Geburtstag gefeiert. Nur mit der Familie. „Ich mag den Trubel nicht.“
Als ihre Großeltern den Laden vor über 100 Jahren eröffneten, war vieles anders. Milch wurde mit der Hand in Kannen abgefüllt, Mehl offen verkauft. Babl erinnert sich, dass ihre Mutter den Zucker noch mit dem Karren holen musste. Seitdem hat sich vieles verändert. Heute wird der Laden von Edeka beliefert – mehrmals in der Woche. „Die Leute wollen frische Waren.“
Sauerkraut, Essiggurken, Senf, Tomatensoße, Eiernudeln, Apfelsaft, Öl und Essig stehen ordentlich aufgereiht in den Regalen. Daneben frisches Obst und Gemüse – je nach Saison. Stammkunden dürfen da ihre Bananen schon mal selber wiegen – so viel Vertrauen hat die 85-Jährige in ihre Kunden. Die meisten von ihnen kennt sie seit Jahrzehnten.
Im Laden groß geworden
Schon als junges Mädel hat Babl im Laden ihrer Eltern mitgearbeitet, später hat sie das Geschäft mit Ehemann Ludwig († 2013) übernommen. „Ich bin im Laden aufgewachsen. Das ist mein Leben.“ Dafür steht sie jeden Tag um 4.45 Uhr auf. Von Montag bis Sonntag. Auch mit 85. Der Kontakt mit den Leuten hält sie fit, sagt sie.
Um 7 Uhr sperrt sie auf. Draußen warten dann schon die ersten Kunden: Schüler und Berufstätige, die sich noch schnell einen Snack für die Pause oder eine Brotzeit holen. Und egal, wie viel Geld die Leute da lassen: Babl ist zu jedem freundlich. Ein kleines Gespräch hat noch niemandem geschadet. Überhaupt würden die Leut’ heutzutage eh viel zu wenig miteinander reden, meint sie und winkt ab, als wolle sie sagen: egal. „Das ist ein anderes Thema.“ Da spricht Babl dann doch lieber über die neue Registrierkasse, die vor zwei Jahren in den Laden eingezogen ist. „Die hat mi schon manchmal ziemlich gefuxt“, gesteht die 85-Jährige und grinst. Aber zum Glück gibt’s ja Tochter Christine. „Die kennt sich da aus.“ Wie ihre Mutter ist auch sie im Laden groß geworden. Dass mit Christine mittlerweile die vierte Generation im Laden mitarbeitet, macht Babl stolz. Auch wenn sie weiß, dass es danach wohl nicht weitergehen wird. „Irgendwann ist eben alles vorbei.“ Bis in die 1970er Jahre hinein gab es noch in beinahe jedem Dorf einen solchen Laden. Dann setzte der Verdrängungswettbewerb durch die Discounter und Supermärkte ein. Mit den Kleinbauern verschwanden auch die Krämereien aus den Dörfern. Und die, die geblieben sind, stehen in ständigem Preiskampf mit Großkonzernen.
Immer freundlich
Da muss man anderweitig punkten. Mit Freundlichkeit zum Beispiel. Und die gibt’s bei der Rosi gratis. Dazu ein nettes Wort, ein offenes Ohr oder ein warmherziges Lächeln. Und Zeit. Da verwandeln sich die paar Quadratmeter Ladenfläche urplötzlich in einen Mikrokosmos, wie man ihn draußen nicht mehr oft findet. Hier drinnen gehorcht das Geschäftsleben den Regeln der Bedächtigkeit und der Entschleunigung, dessen Dreh- und Angelpunkt Rosi Babl ist und hoffentlich noch lange bleibt. Schließlich ist das Geschäft mehr als ein Lebensmittelladen. Ein Treffpunkt für Jung und Alt, ein Teil von Treffelstein, ein Stück Ortsgeschichte. Und letztendlich liegt’s auch an den Leuten, wie lange diese noch fortgeschrieben wird.
Dass Rosi Babl auch mit 85 Jahren noch täglich im Geschäft steht, findet Treffelsteins Bürgermeister Helmut Heumann mehr als anerkennenswert.
Deshalb hat er der rüstigen Geschäftsfrau dieser Tage einen Überraschungsbesuch abgestattet. Es ist 8 Uhr morgens, als Heumann mit einer riesigen Orchidee das Edeka-Geschäft betritt und zur Laudatio ansetzen will. Doch Babl wird erst noch im Laden gebraucht: Sie muss Zeitschriften für einen Stammkunden heraussuchen. Drei gezielte Handgriffe und schnell die neuesten Neuigkeiten ausgetauscht. „So ist sie eben, unsere Rosi“, sagt Heumann. Sie kennt ihre Kunden genauso gut wie ihr Sortiment.
Der Bürgermeister ist froh, dass es im Ort noch ein Lebensmittelgeschäft gibt. „Das ist wichtig, dass die Leute im Dorf einkaufen können.“ Der Laden sei prägend für Treffelstein und die Gemeinde. Zu Babl sagt er: „Du bist die Seele des Hauses, der gute Geist!“
 

 

Foto: Jubilarin Rosi Babl